Geschichte

„Für Schnellschüsse eignet sich Atomkraft schlecht“



Auch wenn die Atomdebatte immer wieder aufflammt, der Fokus bei der grünen Energiewende liegt auf Wind, Sonne und Wasserstoff. Was lässt sich für diese gewaltige Transformation aus den Anfangsjahren der Kernkraft lernen?

Die Erfahrungen aus dem Auf- und Abbau der Atomkraft lassen sich tatsächlich teils auf den Weg zu einer regenerativen Energiewirtschaft ummünzen. Denn auch hier geht es um viele technische Fragen und um die Rentabilität der grünen Stromerzeugung. Aber ebenso wichtig sind die gesellschaftliche Akzeptanz und demokratische Aushandlungsprozesse. Es müssen ganz viele und ganz unterschiedliche Dinge zusammenpassen, und man weiß vorher nie, wo es hakt.

Also kein „Durchdrücken“ der Energiewende, egal wie dringend sie angesichts der Klimakrise sein mag?

Die Auseinandersetzungen um den Bau neuer Atomkraftwerke in den 1980er-Jahren haben eins gezeigt: Wenn ein signifikanter Teil der Bevölkerung sich nicht mitgenommen fühlt, hilft kein Durchregieren. In den 1970ern waren es die Landesväter und Konzernlenker, die naiv davon ausgingen, sie könnten die große Wende hin zur Kernkraft mit Hartleibigkeit durchsetzen: Neue Arbeitsplätze, günstiger Strom, warum sollten die Menschen etwas dagegen haben? Mit dieser Schlichtheit kommt man heute nicht weiter: Gegen den Willen der Menschen wird die Energiewende scheitern.

Vor allem der massive Ausbau von Windkraftanlagen sorgt in der Gegenwart permanent für Streit. Für langwierige Aushandlungsprozesse wie vor 40 Jahren fehlt aber angesichts der Klimakrise die Zeit.

Selbstverständlich ist der Eingriff in die Landschaft bei der dezentralen Energieerzeugung mit Solar- und Windkraft größer als bei einzelnen Großkraftwerken. Aber auch da muss der Dialog gesucht und gleichzeitig klar kommuniziert werden: Für endlose Debatten fehlt uns schlichtweg die Zeit. Auch mutiges Entscheiden ist eine demokratische Kardinaltugend.

Wie sehen verlängerte AKW-Laufzeiten eigentlich betriebswirtschaftlich aus?

Es ist schon frappierend, wie wenig gerade von den Kosten geredet wird. Sollte ein Bundesfinanzminister nicht ein Zahlenmensch sein, Herr Lindner? Eine Verlängerung der Betriebsgenehmigungen für die deutschen Atomkraftwerke wäre ökonomisch heikel und letztlich kontraproduktiv für die Energiewende. In Energiesystemen werden Milliarden auf Jahrzehnte fest angelegt, da braucht es Verlässlichkeit. Zukünftige Investoren für Windkraft- und Solaranlagen würden Risikoaufschläge erfordern, wenn durch den Schlingerkurs bei der Atomkraft die Planungssicherheit gefährdet würde.

Sie leben in Großbritannien, wo die Atomkraft zumindest seitens der Regierung positiver gesehen wird. Befindet das das Land mit der Weiternutzung von Nuklearkraftwerken auf dem Irrweg?

Die britische Regierung strebt seit gut anderthalb Jahrzehnten neue Reaktoren an. Was kam dabei heraus? Ein Reaktor-Projekt Hinkley Point C in Somerset, das so exorbitant teuer wurde, dass der Finanzchef des Betreiberkonzerns Électricité de France zurücktrat. Und dieser Mann ist beileibe kein Atomkraftgegner. Selbst wenn alles glatt läuft, muss man für ein neues Kraftwerk mit rund 20 Milliarden Euro Kosten rechnen.

Zahlreiche Befürworter der Kernkraft hoffen allerdings auf eine neue Reaktorgeneration, die kleiner und günstiger sein soll.

Solche nuklearen Fantasien bündeln vor allem eine Menge an Energie und Aufmerksamkeit, die wir gut für die Weiterentwicklung bewährter grüner Energien gebrauchen könnten. Befürworter kleiner und neuerer Reaktoren erhoffen sich enorme Zuwächse an Effizienz. Sprünge, wie wir sie in der Gen- und Computertechnologie erlebt haben. Vergleichbares hat es bei der Atomkraft bisher nicht gegeben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Atomkraft in der nächsten Zeit plötzlich viel günstiger und einfacher zu kontrollieren wird, halte ich für sehr gering.

Spektakuläre Forschungsergebnisse sind vorab häufig nicht absehbar. Länder wie Frankreich, China und die USA investieren daher in die Forschung zu Mini-Reaktoren, die EU setzt auf Kernfusion. Läuft Deutschland Gefahr, die Atomkraftrevolution zu verpassen?

Falls es in 20 oder 30 Jahren Reaktoren geben sollte, die sicher und ökonomisch sinnvoll sind, wird es leicht sein, die Lizenzen zu bekommen, um solche Reaktoren in der Bundesrepublik zu bauen. In den kommenden zehn Jahren wird bei der Entwicklungsarbeit aber nichts Genehmigungsfähiges herauskommen. Bis dahin können wir uns zurücklehnen, die anderen machen lassen und dabei viel Geld sparen.

Professor Uekötter, vielen Dank für das Gespräch.



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